Samaria-Schlucht – Eine Wanderung durch Kretas spektakulärste Schlucht

Der heutige Tag beginnt sehr früh. Wir fahren von Rethymnon zur Samaria-Schlucht. Da wir eine Fahrtzeit von ungefähr zwei Stunden vor uns haben, war die Nacht bereits um fünf Uhr zu Ende.

Für uns ist die geplante Wanderung das Highlight der Kreta-Rundreise. Und schnell merken wir, dass trotz der frühen Stunde alle aus unserer kleinen Gruppe schon ziemlich quirlig sind und am liebsten sofort loswandern würden.

Die Samaria-Schlucht liegt im Südwesten der Insel und hat eine Länge von 17 km. Somit gehört sie zu den längsten Schluchten Europas. Westlich der weißen Berge (Lefka Ori) in der Omalos-Hochebene bei Xyloskalo befindet sich der Eingang der Schlucht.

Unsere Wanderung beginnt in einer Höhe von 1.200 Metern und führt uns hinunter bis zum Libyschen Meer. Dort liegt am Ausgang der Schlucht ein kleiner Ort namens Agia Roumeli. Der Zeitrahmen für die Tour durch die Schlucht wurde mit fünf bis acht Stunden angesetzt. Wir bekommen noch eine kleine Einweisung und dann geht es endlich los.

Direkt hinter dem Eingang der Schlucht befindet sich der Xilóskalo. Ein sehr steiler Weg, die sogenannte ‚Hölzerne Treppe‘, gilt es hinabzusteigen. Der Name wurde bis heute beibehalten und stammt aus der Zeit, in der die Menschen für den Abstieg in die Schlucht Holzleitern benötigten. Wir laufen über zahlreiche Serpentinen und verlieren ziemlich schnell an Höhe. Die Berge ‚Gingilos‘ und ‚Psilafi‘ ragen aus der Schlucht hervor. Wir kommen an mehreren Schildern vorbei, die vor möglichen Steinschlägen warnen. Unsere kleine Gruppe war schon recht bald auseinandergezerrt, da alle ihr eigenes Tempo hatten. Wir halten immer wieder an, um uns die tolle Aussicht anzusehen und zu fotografieren.

Man sollte schon eine Trinkflasche mit sich führen. Allerdings ist das Schleppen von mehreren Wasserflaschen nicht erforderlich, da es überall Wasserquellen gibt. Schon bald erreichen wir eine dieser Quellen und erfrischen uns ein wenig. Danach geht der Abstieg weiter zum nächsten Etappenziel, der Agios Nikolaos Kirche. Eine kleine und sehr einfach gestaltete Kirche. Wenn man aber bedenkt, dass diese mitten im Gebirge steht, ist es nicht verwunderlich, dass sie recht schlicht ausgeschmückt ist.

Der Weg ist steil und teilweise auch sehr anstrengend.

Nach der kleinen Kirche ist das nächste Etappenziel das verlassene Dorf Samaria. Wir haben Glück, denn die Wanderung verläuft nun durch etwas ebeneres Gelände. Das Gefälle ist nicht mehr ganz so stark. Wir passieren eine wunderschöne Waldlandschaft bestückt mit Kiefern, Zypressen, Platanen und Pinien. Adler und Falken kreisen entlang der steilen Felshänge. Hier präsentiert sich die Natur auf eine ganz eigene Art und Weise. Auch die Kri-Kri (Bergziegen) können wir beobachten, wie sie die Abhänge hinabklettern. Im Volksmund wird diese „Agrimi“ (die Wilde) genannt.

Der sich hierdurch schlängelnde Bach ist jetzt im Mai nicht mehr so extrem mit Wasser gefüllt, so dass wir ungehindert über den Weg laufen können. Etwas früher im Jahr kann der Bach wegen des vielen Wassers den Weg zum Teil unpassierbar machen.

Wir wandern etwas über eine Stunde durch den Wald, bevor wir das Dorf Samaria vor uns sehen. Dieses ist nur über eine schmale Brücke zu erreichen.

Das verlassene Dorf ist sozusagen das Herzstück der Schlucht und irgendwie liegt es im Nirgendwo. Denn weit und breit ist hier gar nichts. Wer es bis zu dem Dorf geschafft hat, hat ungefähr die Hälfte der Wanderung hinter sich. Bis es enteignet wurde, war es eine Holzfällersiedlung. Die Bewohner mussten im Jahr 1962 ihr Dorf zu Gunsten des Nationalparks aufgeben. In dem relativ kleinen Dorf gibt es zwei Kirchen, die „Christ Church“ und die „Kirche der Heiligen Maria von Ägypten“, die aus dem Jahr 1379 stammt.

In Samaria Village legen wir eine etwas längere Pause ein. Am Startpunkt der Schlucht wurde uns geraten, nicht länger als eine halbe Stunde hier zu verweilen. Gerade hier vergessen einige Wanderer Zeit und Raum und haben dann das Problem, das Schluchtende zu erreichen, noch bevor die letzte Fähre ablegt. Nach und nach trudeln auch die anderen Wanderer aus unserer Gruppe ein. Nach der Besichtigung des Dorfes geht es weiter. Hinter dem Dorf tritt ein bis hierin unterirdisch verlaufender Fluss zu Tage, den wir im Verlauf der weiteren Wanderung mehrfach überqueren und durchlaufen müssen.

Für mich beginnt jetzt der interessanteste Teil unserer Wanderung, denn erst ab hier bekommen wir den Eindruck, durch eine Schlucht zu laufen. Weiter geht es über Geröll und die Landschaft wird immer karger. Die steilen Felswände rücken immer näher zusammen. Und obwohl es nicht mehr bergab, sondern eher eben weiter geht, ist es doch ziemlich anstrengend, über das Geröll ausgetrockneter Bachläufe zu laufen. Ich möchte nicht wissen, wie die Füße der „Wanderer“ aussehen, die hier mit Sandalen langlaufen. Ja, ihr habt richtig gelesen, Sandalen! Auch solche Wandersleute haben wir unterwegs getroffen, allerdings hatten sie auch sehr gequälte Gesichter.

Schatten spendende Bäume gibt es kaum noch und die Sonne tut ihr übriges.

Doch wir werden belohnt. Nach einiger Zeit kommen wir zu den imposanten Pforten der Schlucht, den ‚Iron Gates‘. Zwischen den ungefähr 600 Meter hohen Felsen ist nur ein Abstand von 3,50 und durch die Höhe kommen wir uns ziemlich klein vor.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum Ende der Schlucht. Nachdem wir noch fast 50 Minuten gelaufen sind, erreichen wir die Anaryki-Bar, in der wir schon von den ersten aus unserer Gruppe erwartet werden. Da dies ein Schweizer Ehepaar ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass sie die Tour wesentlich schneller als alle anderen geschafft haben. Gemeinsam legen wir die letzten Kilometer bis zum Hafen von Agia Roumeli zurück, wo wir unseren Reiseführer in einer Taverne treffen werden.

Die Enge der Schlucht öffnet sich und bietet uns einen fulminanten Blick auf das kleine Fischerdorf Agia Roumeli. Die malerischen weißen Häuser scheinen sich an die Berghänge zu schmieden, wodurch das Dorf eine urige Ausstrahlung bekommt.

Nach fast sechs Stunden ist es soweit. Wir werden mit einem großen Hallo empfangen und sind froh, uns endlich setzen zu können. Das Laufen bergab über einen längeren Zeitraum macht sich schon bald in den Beinen bemerkbar und wir befürchten, dass wir am nächsten Tag einen ausgewachsenen Muskelkater haben. Dennoch war diese Wanderung eine wunderschöne Tour und wir sind uns einig, dass es der Höhepunkt der Kreta-Rundreise ist.

In der Taverne mit Blick auf das Libysche Meer warten wir auf den Rest unserer kleinen Gruppe, bevor wir mit der Fähre nach Chora Sfakion übersetzen. Von hier aus geht es sodann wieder zurück in unser Hotel nach Rethymnon.

 

© 2020 by Travel-See-Xperience

 

  1. Es war so ein schöner Reisebericht. Ich habe mich gerade gefühlt, als ob ich selber dort gewesen bin. So anschaulich ist der Reisebericht geschrieben worden. Danke für die Eindrücke und die wunderschönen Bilder.

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