Bad Nauheim – Unterwegs auf historischen Spuren und „Lost Places“

An einem der letzten Tage meines Aufenthaltes in Bad Nauheim habe ich mir eine besondere Tour vorgenommen. Eine Wanderung, die Historisches, Lustiges, in Vergessenheit Geratenes aber auch Natur wunderbar vereint.

Die Wanderung ging über eine Länge von 12,5 km. Wegen der zahlreichen Fotostopps benötigte ich hierfür knapp drei Stunden. Auf der nachfolgenden Karte ist der Verlauf der Strecke skizziert.

Von der Lindenstraße führte mein Weg durch den Südpark. Den Triton-Brunnen kennt ihr bereits aus meinem Bericht Bad Nauheim – Die grünen Oasen der Stadt. Auf der Homberger Straße erreichte ich einen alten jüdischen Friedhof.

Im Jahr 1902 wurde dieser als dritter jüdischer Friedhof am Rand des städtischen Friedhofes eröffnet. Die Leichenhalle wurde 1903 erbaut. Im Übrigen sind auf dem Friedhof auch zahlreiche Gräber ausländischer Kurgäste.

Von der Homburger Straße aus ging es dann endlich in die Natur hinein.

Gegenüber dem Friedhof befindet sich der Deutergraben, ein etwa 4,5 km langer Zufluss der Usa.

Um die Waldteiche zu erreichen, musste ich an diesem entlanglaufen. Hierbei machte ich eine interessante Entdeckung, die Cross Frisbee Körbe. Bei diesem Spiel kommt es darauf an, mit einer gehörigen Portion Geschick die Frisbee-Scheibe in einen in einiger Entfernung stehenden Korb zu werfen.

Criss Frisbee Korb

Nach dieser Entdeckung war es nicht mehr weit bis zu den Waldteichen. Diese sind wunderschön angelegt und laden durch einige aufgestellte Bänke die Spaziergänger zum Verweilen ein.

Wer dieses beschauliche Fleckchen sieht, wird um so erstaunter sein, dass es sich hierbei um ein Industriedenkmal handelt. Bereits 1740 wurden die Waldteiche angelegt. Durch sie sollte die Salzproduktion profitabler gemacht werden. Denn man muss wissen, dass die Usa während der Sommerzeit häufig sehr wenig Wasser hatte, ja sogar komplett ausgetrocknet war. Die Wasserräder liefen nicht mehr und so stagnierte die Salzgewinnung.

Deshalb ließ Bergrat Waitz den großen Teich errichten, wodurch ein großer Wasservorrat vorhanden war. Wie aber sollte nun das Wasser aus dem Teich zu den doch sehr weit entfernten Gradierwerken gelangen? Kurzerhand wurden Rohre verlegt und so das Wasser aus dem Teich geleitet. Sodann wurde ein weiterer Teich errichtet. Durch diese grandiose Idee wurde der Bergrat Waitz geadelt. Somit war er berechtigt, sich Waitz von Eschen zu nennen.

Die Teiche gehörten nicht schon immer der Stadt Nauheim. Erst im Jahr 1847 gingen sie vom kurhessischen Staat an die Stadt über.

Heute haben die Fischer ihre wahre Freude an diesen drei Teichen. Ein Fischer verriet mir, dass sich in den Teichen Hechte, Regenbogenforellen, Zander und auch Karpfen tummeln.

In dem dritten, dem oberen Teich, ist heute nicht mehr genügend Wasser vorhanden. Aus diesem Grund wurde hier ein Feuchtbiotop angelegt.

Es wurde Zeit, sich langsam von diesem schönen Ort zu lösen, denn der noch vor mir liegende Weg ist weit. In der Nähe der Waldteiche passierte ich die Werner-Hütte, um gleich dahinter eine große Wand mit verschiedenen Tafeln zu entdecken. Meine Neugier, was dort auf den Tafeln steht, war geweckt.

Auf diesen Tafeln ist beschrieben, welche Vogelarten in dem Wald leben. So gibt es neben den Vögeln wie die Hingelhaus, den Kuckuck, die Waldohreule, den Waldkauz und Buntspechte noch viele mehr zu bestaunen.

Entlang des Deutergrabens und durch den Wald begab ich mich zu meiner nächsten Anlaufstelle, das Hexenhäuschen. Zwischendurch musste ich tatsächlich aufpassen, dass ich wegen meiner verschiedenen Fotostopps nicht die Abzweigungen verpasste und auf dem richtigen Weg blieb.

In Bad Nauheim soll jeder Waldweg einen eigenen Namen haben! Nach einer Weile gelange ich an einer Kreuzung zum Elisabeth-Ring, links gelegen befindet sich das Hexenhäuschen.

Das Hexenhäuschen ist heute ein recht unspektakulärer Unterschlupf für Wanderer. Früher befand sich hier ein Häuschen mit einem hohen Schornstein. Es stand mehr oder weniger auf Holzstelzen, so dass man vom oberen Stock aus eine schöne Aussicht auf den Johannisberg hatte.

Nun bringen es Bäume aber mit sich, dass sie wachsen. So auch hier, die Bäume wurden so groß, dass sie nicht nur den schönen Ausblick versperrten. Auch vom Schornstein des Hexenhäuschens blieb nicht viel übrig. Kurzerhand riss man das ursprüngliche Häuschen ab und ersetzte es durch eine neue Schutzhütte.

Nicht weit vom Hexenhäuschen entfernt, befindet sich ein historischer Grenzstein. Diesen wollte ich mir auf jeden Fall ansehen. Also schlug ich mich am Hexenhäuschen vorbei in den Wald hinein. Hinweisschilder auf den Grenzstein gibt es nicht, was wohl auch erklärt, warum so wenig Menschen auf diesem Teil des Weges unterwegs waren.

Zwischendurch war ich etwas unsicher, ob ich hier wirklich auf dem richtigen Pfad unterwegs war. Die Zweifel wurden aber auch genauso schnell, wie sie gekommen waren, wieder zerstreut. Warum? Ich stand vor dem historischen Grenzstein.

Nach dem „Julianischen Kalender“ trennt der hier vorhandene Grenzpunkt seit dem 29.08.1524 die Fluren zwischen dem Hofgut „Hasselhecke“, der Gemeinde Ockstadt und der Gemeinde Nauheim. Die Gemeinde Nauheim nennt sich seit 1869 Bad Nauheim. Am 27.09.1747 wurde dieser sog. Dreimärker gesetzt. Heute gehört er zu den ältesten Grenzsteinen der Umgebung und wurde unter Denkmalschutz gestellt. Der Grenzstein trägt auf einer Seite (Südseite) das frankensteinsche Wappen, das den Herren zu Ockstadt zugeordnet ist. Die Gemeinde Ockstadt wurde 1972 in die Stadt Friedberg integriert.

Auf der oberen Hälfte des Grenzsteines (Westen) wurde eine „22“ eingraviert mit dem darunter befindlichen kurmainzischen Wappen. Dies bedeutet, dass bis zu dieser Stelle das Land des Hofgutes „Hasselhecke“ reichte. Dieses gehörte zur Gemeinde Ober-Mörlen und diese wiederum zum Kurfürstentum Mainz.

Die Nordseite des Dreimärkers zeigt das Wappen des Kurfürstentums Hessen, zu dem auch Bad Nauheim gehörte. Im Jahr 1854 erhielt Nauheim die Stadtrechte. Nachdem der Grenzstein im Jahr 2005 umgestürzt war, wurde er neu aufgestellt, und der Boden um ihn herum gepflastert. So soll ermöglicht werden, dass er noch lange an dieser Stelle stehen bleiben kann.

Im Stadtwald von Bad Nauheim soll es noch zahlreiche solcher Grenzsteine geben.

Am Feldrand entlang lief ich wieder Richtung Elisabeth-Ring und konnte hierbei eine schöne Aussicht genießen.

Um zu meinem nächsten Zielpunkt zu gelangen, musste ich mich wieder in den Wald begeben. Eine Zeit lang lief ich über den Elisabeth-Ring bis der Ober-Möhrler-Weg kreuzt, auf diesen bin ich rechts abgebogen und tiefer in den Wald hineingelaufen. Auf der Mittelschneise schließlich fand ich ein weiteres Wanderhighlight: die Hasen und Wichtel.

Mitten im Wald wurden diesen niedlichen Figuren aufgestellt.

Mein persönliches Wanderhighlight steht aber noch bevor. Um dieses zu erreichen, muss ich noch einige Zeit durch den Wald wandern.

Da es am Tag meiner Wanderung recht warm war, empfand ich es als sehr angenehm, den größten Teil der Strecke durch den Wald gehen zu können. Zumal es hier auch einiges zu entdecken gab.

Eine Seltenheit: ein Vogelhaus im Wald

Am Ende der Mittelschneise erreichte ich die Wintersteinstraße. Diese galt es an dem Sportplatz entlangzulaufen bis zum Ernst-Ludwig-Weg. Und ab hier hieß es: Augen auf. Denn auch hier gab es keine Beschilderung, wo mein nächstes Ziel zu finden ist. Ich wusste nur, dass es sich abseits des Weges im Wald befindet. Auf der Suche nach dem „Vergessenen Friedhof auf dem Lichtenberg“ hatte ich so manch unbeabsichtigte Begegnung.

Nach langem Suchen habe ich den letzten Zielpunkt meiner Wanderung entdeckt. Abseits des Weges im Wald erspähte ich zunächst nur einen Grabstein.

Tatsächlich ist dieser frühere jüdische Friedhof ohne genaue Ortskenntnisse fast nicht zu finden. Man muss schon einige Geduld aufbringen und ziemlich suchen. Normalerweise ist er durch das Unterholz und verschiedene wuchernde Sträucher vom Weg aus nicht zu sehen. Als ich dort war, war sowohl das Unterholz als auch die wild wuchernden Pflanzen ein wenig beseitigt. Nur so war es mir möglich ihn auszumachen.

Nach meiner Information sollten hier noch drei Grabsteine stehen. Dies war nicht so, es sind mittlerweile nur noch zwei vorhanden.

Grabstein von Ely Rosenberg

Der Grabstein, der mir sofort ins Auge fiel erinnert an Ely Rosenberg. 1859 kam der aus Lindow (Mark Bandenburg) stammende Ely Rosenberg nach Bad Nauheim zur Kur. Auf dem Teich im Kurpark fand er am 10.06.1859 bei einer Bootsfahrt durch Ertrinken den Tod.

Ungefähr zehn Meter weiter nach links sah ich den noch verbliebenen zweiten Grabstein.

Als ich näher kam sah ich, dass der obere Teil des Grabsteins abgebrochen war. Die Vorderseite war mit hebräischen Schriftzeichen versehen.

Nach meiner Wanderung habe ich etwas recherchiert und erfahren, dass dieser Grabstein wohl aus dem Jahr 1789 stammt. Als letzte Verstorbene wurden im Jahr 1862 Sara Rosenberg und 1863 Max Dreyfuß hier bestattet. Aufgegeben wurde der Friedhof bereits 1866. Umso erstaunlicher ist es, dass immer noch Grabsteine bzw. Teile von diesen vorhanden sind.

Dieser mitten im Wald liegende „vergessene“ Friedhof ist denkmalgeschützt. Es gibt keinerlei Hinweise auf ihn, auch ist er nicht eingezäunt oder sonst irgendwie abgegrenzt.

Langsam musste ich auch den Heimweg denken. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, Richtung Johannisberg zu laufen und von dort runter in die Stadt. Natürlich habe ich mich jetzt nicht mehr an den mir vorliegenden Plan gehalten, bin drauf losgelaufen und fand diesen „Weg“ vor …

Aber ich habe noch einen tollen Ausblick genießen können.

Durch den Kurpark führte mich mein Weg zurück zum Ausgangspunkt Lindenstraße.

Hier gebe ich euch ein paar Infos zur Strecke in Kurzform.

Ein wunderschöner Tag mit vielen interessanten und schönen Eindrücken lag hinter mir.

Ich hoffe, bei euch das Interesse geweckt zu haben, auch einmal nach Bad Nauheim zu reisen, um die vielen verschiedenen Facetten der Stadt kennenzulernen.

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