Französische Alpen: Eine Reise zwischen Gipfeln, Gletschern und Café Crème
Dieses Mal führte die Reise nicht zu Fuß durch verwinkelte Altstadtgassen oder mit dem Zug entlang historischer Strecken. Stattdessen rollten wir auf vier Rädern durch die französischen Alpen, über Serpentinen und Pässe, hinein in Panoramen, die sich mit jedem Kilometer neu entfalteten. Eine Route, die zeigt: Umwege eröffnen oft die eindrucksvollsten Blickwinkel.
Wer sich mit dem Auto in die Höhen der französischen Alpen wagt, erlebt weit mehr als kurvige Straßen und steile Anstiege. Die Strecke ist ein Wechselspiel aus Naturgewalt und technischer Raffinesse. Spätestens am dritten Tag stellt sich die Frage, ob ein kurzer Abstecher wirklich ausreicht. Heute erwartet dich ein Reisebericht jenseits der üblichen Pfade.
Inhalt
Anreise
Die französischen Alpen sind gut erschlossen, aber sie verlangen Aufmerksamkeit. Nicht nur beim Fahren, sondern auch beim Planen. Wenn man wie wir mit dem Auto diese Tour macht, stellt sich die Frage der Anreiseform nicht. Das Gebirge erreicht man über die Route Napoléon, die Route des Grandes Alpes oder weitere kleine Nebenstraßen. Fahrspaß und Perspektivenwechsel sind garantiert. Mautstraßen und Tunnel häufig, aber meistens lohnend.
Beste Reisezeit
Mit den Jahreszeiten verändern sich auch die französischen Alpen und jede hat ihren Reiz. Wann man hier unterwegs ist, richtet sich ganz danach, welche Art von Urlaub man bevorzugt. Wir haben den Herbst gewählt, um die Farbenpracht der Wälder, ruhige Straßen und die klare Sicht genießen zu können. Trotzdem hatten wir von allem etwas, wunderschöne Sonnentage, auch mal Nebel und je höher wir kamen, auch Schnee.
Wissenswertes über die französischen Alpen
Die französischen Alpen sind viel mehr als nur ein Gebirge. Sie sind ein Reiseziel, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Sie erstrecken sich entlang der östlichen Grenze Frankreichs, vom Genfer See bis zur Mittelmeerregion. Dazu gehören unter anderem die Départements Haute-Savoie, Savoie, Isère, Haute-Alpes und Alpes-de-Haute-Provence.
Die Landschaft ist geprägt von markanten Höhenzügen, tief eingeschnittenen Tälern und alpinen Pässen. Den höchsten Punkt stellt der Mont Blanc mit 4.810 Metern dar.
Die Dörfer und Städte der französischen Alpen sind keine musealen Kulissen, sondern vielmehr lebendige Orte mit eigener Identität. Sie bestehen aus hölzernen Chalets, steinernen Bergkirchen und in den Tallagen häufig aus barocken Fassaden. Je nach Höhe und Geschichte variiert die Bauweise.
Mit der Verständigung hatten wir in der Regel keine Schwierigkeiten. Na ja … sagen wir: in den meisten Fällen. Französisch ging, Italienisch in den Grenzregionen auch. Schwieriger wurde es in Gegenden, in denen Dialekte wie Savoyard gesprochen wurden. Spätestens dort waren wir aufgeschmissen. Dann halfen nur noch ein freundliches Lächeln, viel Gestik und die Hoffnung, dass der Gesprächspartner entweder Geduld oder Humor hatte – am besten beides. Für einen Café Crème hat es allerdings immer gereicht.
Einsteigen, losfahren und die Route schreibt sich von selbst
Unsere Tour beginnt im südlichen Hinterland, wo sich die Straßen durch das Tal des Verdon schlängeln. Felsige Hänge, lichte Wälder, dazwischen kleine Orte mit verblassten Fensterläden und stillen Plätzen. Mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft: Die Hügel werden steiler und die Kurven enger. Plötzlich taucht vor uns ein türkisfarbener See auf – unser erster Halt.
Lac de Castillon
Der See ist ein künstlich angelegter Stausee. Er erstreckt sich über rund acht Kilometer Länge und erreicht stellenweise Tiefen von bis zu hundert Metern. Obwohl er eine Fläche von etwa 5 km2 bedeckt, wirkt er nicht überdimensioniert. Somit ist er der zweitgrößte See der Region. Nur der Lac de Sainte Croix übertrifft ihn noch. Entstanden ist der Lac de Castillon durch den Bau einer Staumauer in der Engstelle des Cheiron-Hügels. Sie spannt sich am nördlichen Ende des Sees über das Tal, ist ungefähr 95 Meter hoch und über 200 Meter breit.
Bis zur Fertigstellung des Rückhaltebeckens benötigte man 20 Jahre. Unter der Wasseroberfläche liegt das Dorf Castillon, das aufgegeben wurde und bei der Flutung des Sees, ebenso wie die historische Brücke von Saint-Julien in den Tiefen des Wassers begraben wurde. Heute existiert es nur noch in Erzählungen und auf alten Karten.
Die Straße über den Damm bietet eine eindrucksvolle Aussicht auf den See. Was viele bei ihrem Besuch leicht übersehen, befindet sich auf der vom Wasser abgewandten Seite der Staumauer. Es ist eine Sonnenuhr von außergewöhnlicher Größe. Seit 2009 nutzt sie den Schatten der umliegenden Hügel als natürlichen Zeiger.
Massif de la Meije
Vom Lac de Castillon bis zum Massif de la Meije lagen rund 220 Kilometer vor uns. Die Fahrt dauert etwa vier Stunden, je nach Pausen und Fotostopps. Die Strecke führte zunächst durch die Alpes-de Haute-Provence. Danach ging es weiter über die Route Napoléon und schließlich vorbei an Gap in Richtung Hautes-Alpes. Hinter Gap wechselten wir auf die N85 und später auf die D1091, die sich durch das Tal der Romanche schlängelt. Besonders eindrucksvoll war die Passage durch den Parc national des Ècrins, dessen Kulisse sich mit jedem Kilometer deutlicher abzeichnete. Steile Felswände und rauschende Bergbäche wechselten sich ab. Je weiter wir fuhren, desto karger und hochalpiner wurde die Landschaft.
Das Massif de la Meije gehört zu den markantesten Gebirgsformationen der französischen Alplen. Es liegt im Herzen des Écrins-Massivs und erhebt sich direkt oberhalb von La Grave. Der höchste Punkt, der Grand Pic de la Meije, erreicht knapp 4.000 Meter.
Was die Gebirgskette Meije von vielen anderen Gipfel in dieser Region unterscheidet, ist ihre freistehende Lage und die dramatische Silhouette. Auch für Reisende, die nicht klettern, bietet das Massiv ein starkes Erlebnis. Die Aussicht von La Grave gehört zu den schönsten Panoramen der französischen Alpen. Wer mit der Seilbahn zur Girose-Gletscherzone hinauffährt, kommt dem Berg ganz nah – ohne selbst am Seil zu hängen.
La Grave
La Grave liegt direkt am Fuß des Massif de la Meije. Man sagt, der Ort ist das Tor zur Meije. Von hier aus hat man einen der eindrucksvollsten Blicke auf die Nordflanke des Massivs mit seinen Gletschern und Felswänden. Auch die berühmte Seilbahn zur Girose-Gletscherzone startet von dort.
Das Dorf selbst liegt auf etwa 1.500 Metern Höhe, eingebettet in die steilen Hänge des Romanche-Tals. Was La Grave so besonders macht, ist die Nähe zum Hochgebirge. Wanderer, Alpinisten und Skifahrer sind in wenigen Minuten auf über 3.200 Meter, wo eine andere Welt beginnt. Gletscher, Firnfelder, Felsgrate und fantastische Ausblicke.
Im Vordergrund liegt La Grave, das historische Dorf mit seiner romanischen Kirche und den eng aneinandergebauten Steinhäusern. Die Gebäude schmiegen sich an den Hang und wirken, als hätten sie sich über die Jahre in die Landschaft eingefügt. Oberhalb von La Grave befindet sich das Dorf Le Chazelet. Dieser kleine Weiler wirkt durch seine verstreuten Gebäude offener. Dort beginnen einige Wanderwege, die tief ins Ècrins-Massiv führen.
Trotz seiner alpinen Ausrichtung ist La Grave keineswegs ein klassisches Touristenzentrum. Überfüllte Straßen und große Hotels: Fehlanzeige. Die Atmosphäre ist bodenständig. Im Sommer ist der Ort Ausgangspunkt für Hochtouren, Kletterrouten und Wanderungen im Ècrins-Massiv. Im Winter erfreuen sich die Skifahrer an den anspruchsvollen Pisten.
Eigentlich ist La Grave kein Ort für eine Durchreise. Wer hier anhält, bleibt meistens etwas länger als geplant. So haben wir es auch gemacht und kurzerhand wurden aus einem Zwischenstopp zwei Tage. Es hat sich gelohnt. Beim Wandern gesichtet …
Montagne des Agneaux
Schneller als gedacht waren die zusätzlichen Tage vorbei, unsere Tour durch die französischen Alpen ging weiter. Ein Gipfel, der weniger bekannt ist als die Meije, aber trotzdem sehenswert ist, ist die Montagne des Agneaux. Mit 3.664 Metern zwar kein Rekordhalter, dennoch fällt sie mit ihrer breiten, vergletscherten Gipfelregion selbst aus der Ferne sofort ins Auge. Wir hatten diesen Teil der Route nicht bewusst gewählt, eine Klettertour stand ohnehin nicht zur Debatte und doch war sie plötzlich da – unverkennbar und eindrucksvoll. Bei der Fahrt durch das Romanche-Tal, zwischen La Grave und dem Col du Lautaret, erhebt sich die Agneaux.
Auch wenn wir den Berg nur aus der Distanz gesehen haben, wollten wir ihn nicht unerwähnt lassen. Ein stiller Begleiter am Rand der Route, dessen Präsenz sich nicht übersehen ließ.
Col de Vars
Rund 60 Kilometer Luftlinie liegen zwischen La Grave und dem Col de Vars. Die Strecke führte uns über kurvige Bergstraßen und landschaftlich abwechslungsreiche Abschnitte. Serpentinen? Immer gern. Vorausgesetzt ich bin nicht Beifahrer und muss die Kurven kommentarlos ertragen.
Zunächst verläuft die Route durch das obere Romanche-Tal, weiter über den Col du Lautaret und durch Briançon. Dort haben wir selbstverständlich eine Stadtbesichtigung gemacht, von der ich in einem gesonderten Beitrag berichten werde. Nach Briançon geht es über Guillestre hinauf zur Passhöhe, die auf 2.109 Metern liegt.
Der Col de Vars verbindet das Ubaye-Tal mit dem Queyras und gehört zu den klassischen Übergängen der Route des Grandes Alpes. Schon früh wurde er als Verbindung zwischen Nord und Süd genutzt. Mittlerweile ist er vor allem bei Motorradfahrern beliebt. Auch Radreisende zieht es hierher. Ob aus echter Leidenschaft oder sportlicher Selbstüberschätzung, sei dahingestellt. Wer seine Grenzen kennt und nicht mitten auf der Straße trainiert, ist im grünen Bereich. Und alle anderen sorgen zumindest für Gesprächsstoff in der nächsten Kurve.
Col de la Bonette
In den französischen Seealpen verbindet der Col de la Bonette das Ubaye-Tal mit dem Tinée-Tal. Vom Col de Vars aus sind es etwa 80 Kilometer bis zur Bonette. Die Strecke führt durch das Ubaye-Tal, passiert Barcelonnette und geht dann weiter hinauf in die karge Region der Seealpen. Die Wälder werden lichter, die Felsen rauer und die Straße zieht sich in langen Bögen durch diese Szenerie. Ein landschaftlicher Übergang, der deutlich zu spüren ist.
Oben angekommen erwartet dich kein klassischer Pass mit Gasthaus oder Aussichtsterrasse, sondern eine raue Fläche mit weitem Blick. Die Luft dort oben ist ziemlich dünn.
Casernes de Restefond
Etwas unterhalb der Passhöhe liegen die Casernes de Restefon, ehemalige Militärbaracken, die heute verlassen in der kargen Landschaft stehen. Sie stammen aus der Zeit, in der Frankreich seine Hochgebirgspässe abgesichert hat. Einst wurden die Gebäude von Soldaten genutzt, die in der Grenzregion bei Wind und Wetter ihren Dienst versehen mussten. Heute sind sie nur noch ein Zeugnis vergangener Zeiten. Wenn man sich allein hier oben zwischen den Mauern und dem pfeifenden Wind bewegt, stellt sich ein Gefühl ein, das man schwer einordnen kann, irgendwo zwischen Beklemmung und Faszination. Die Höhe ist nicht das Einzige, was einem den Atem nimmt.
Die Casernes de Restefon liegen direkt an der Nordauffahrt von Jausiers aus. Sie markieren den Übergang zur finalen Schleife um die Cime de la Bonette.
Die Abfahrt beginnt genauso, wie die Auffahrt endete: Geröll, Wind, Stille. Und mittendrin eine Straße, die sich wie ein Band durch diese faszinierende “Mondlandschaft” zieht.
Dann, ganz langsam, scheint die Welt zurückzukehren. Es wird grüner, die Luft milder und der Blick zum Tal öffnet sich. Unser Fazit zu diesem Pass: Man muss hier gewesen sein!
Nicht für ein Foto, nicht für ein Häkchen auf der To-Do-Liste. Allein wegen des überwältigenden Gefühls, das sich einstellt, wenn die Berge einen kurz aus allem herauszuheben scheinen.
Tourverlauf

Unser Fazit
Bist du auf der Suche nach Höhenmetern oder Wanderungen? Suchst du einfach nur nach einem Ort, der dir Ruhe vor dem Alltag gibt? Dann reise in die französischen Alpen. Sie bieten dir all das mit einer Mischung aus Grandezza und Bodenständigkeit, die man nur hier so findet. Unsere Tour war ein Erlebnis, geprägt von der Vielfalt der Landschaft und dem Wechsel zwischen alpiner Strenge und französischer Gelassenheit. Solch ein Erlebnis lässt sich nicht planen. Wer sich darauf einlässt, sollte Zeit, Neugier und die Bereitschaft mitbringen, auch mal dort anzuhalten, wenn es der Reiseführer nicht verlangt.
Warst du selbst schon einmal in den französischen Alpen unterwegs oder planst gerade eine Tour? Teile gerne deine Eindrücke, Lieblingsserpentinen oder Fragen mit uns.
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